Mutterlos

von Josef Schlicht, Schlossbenefiziat in Steinach

 

zusammengestellt von Claudia Heigl

 

In den 50er Jahren erschien im Straubinger Tagblatt im Unterhaltungsteil eine Geschichte den Steinacher Schloßbenefiziaten Joseph Schlicht unter dem Titel „Mutterlos“.

Joseph Schlicht hat hier die tragische Geschichte der Maria Dobmeier aus Oberniedersteinach aufgeschrieben, die im Jahr 1884 mit 19 Jahren, auf Drängen ihres Vaters, den knapp 34jährigen Johann Baptist (Pist) Leibl aus Unterniedersteinach heiratete.

Die Geschichte spiegelt die Gegebenheiten zu dieser Zeit wieder. Bei der Heirat spielten Herkunft, gesellschaftliche Stellung und natürlich Vermögen eine wesentliche Rolle.

Trotz all dieser gesellschaftlicher Normen und Zwänge versuchte die junge romantische Frau Ende des 19. Jahrhunderts aus ihrem vorgegebenen Lebensweg auszubrechen und zerbrach schließlich fast daran.

 

Hier ihre Geschichte von Josef Schlicht:

„Nun Vater Dobmaier, wie geht es Euch!“

„Ich danke der Nachfrage. Wie es mir geht? Halt so und so. Mit meiner Gesundheit geht es nicht so recht gut. So kernfrisch mein Weib noch ist, so hundsmatt bin ich. Ich kann mir nicht halb genug mehr schnaufen. Alle Vaterunser lang muß ich anhalten und Luft ziehen wie der Schöpfkolben im Brunnenstiefel.“

Der Frager bestätigte dies mit Kopfnicken, den obschon der Dobmaier einen hochgewachsenen, backenbärigen Mann vorstellte, so zog er doch nur mühsam seine Säge durch das Scheit Holz und hatte zwetschgenblaue Mundlippen.

„Und wie geht es, seitdem ihr zwei Alten in der Austragsstube seid, bei euren zwei Jungen?“

„Gott sei Dank, es geht schon recht und fehlt nichts. Der Pist arbeitet fleißig und ist mit uns gut. Aber freilich, unsere Maria schaut alleweil noch darein wie ein Singerl.“

„So, und warum denn?“

„Sie mag ihren Pist nicht. O Vater, o Mutter, jeden anderen eher, aber nur grad den Pist nicht. Lieber geb ich das Haus wieder her. So hat sie unter weinen gerufen.“

„Und was habt ihr beiden Eltern dabei getan?“

„Die Mutter hätte schon gern der Maria zugehalten. Aber schau, Vater, hat sie zu mir gesagt, wenn sich unser Dirnl halt gar keine zum Pist einbilden kann, das ist ja doch zu hart für sie. Ich aber hab ihr jeden anderen aus dem Kopf geredet. Schau, Maria, hab ich zu ihr gesagt, der Pist ist aus einem viel größeren Hof als der unsere, er bringt dich und uns in eine große weitverzweigte Freundschaft, und sein Geld tut unserem Anwesen auch wohl. Sei gscheid, Maria, nimm den Pist, und wegen der Liebe, schau, das legt sich schon mit der Zeit.“

„Und was hat euer Dirndl getan?“

„Nichts als den Kopf geschüttelt und hat geweint.“

„Dobmaier, Dobmaier, wenn es schon Himmelzt am Firmament, was kommt dann?“

„Ein Wetter.“

„Ja, ein Wetter. Und ein solches kann in eurer Jungen Ehe kommen, Vater Dobmaier.“

„Das möchte ich aber nicht mehr erleben.“

Damit ging der Frager seinen Weg weiter, der Dobmaier aber zog wieder seine Säge durch das Holz. Die Familie Dobmaier war ehedem tief im innern Bayerwald, da wo der Regenfluß zieht. Weil aber diese Gegend eine schönere Sommerfrische bildet als ein angenehmes Pflugland, so verließ sie 1872 ihren Gebirgshof und kaufte sich mit 18.000 Mark in die Ebene heraus zur Donau. Vom letzten Gebirgswall noch halb umzogen und überragt von einer weithinaus sichtbaren Bergkirche – so liegt nun das Anwesen mit vier Melkkühen und sechs Zugochsen.

Im elterlichen Kindersegen obsiegte die kernfrische Dobmaierin so völlig, daß kein einziger Stammhalter erschien, aber dafür acht lichthaarige Töchter. Davon blieben vier durch frühzeitigen Tod am Regenfluß, und vier kamen heraus zur Donau – die Karolina, die Maria, die Zenz und die Mena (Philomena).

Beim Gang in das Austragshaus übergab der Dobmaier den Hof der Karolina, denn er hatte sie am liebsten, weil sie seine Älteste und Arbeitsamste war. Nun warf aber die Lungenschwindsucht grad die Karolina schwerkrank darnieder, und nun vergaß sich die Maria und sagte angesichts ihrer Schwester: „Vater, gelt jetzt krieg ich den Hof.“

Mit ihren letzten Stimmaufwand kreischte aber die Karolina: „Schnecken kriegst du, ich geb das Haus nicht her.“ Sie mußte es aber hergeben, weil acht Jungfrauen im weißen Kleid schon 1884 die Dobmaier-Karolina mit 23 Jahren nach dem Friedhof trugen.

Nun bekam die Maria den Hof, die weich und schmiegsam war und der Mutter die Liebste.

„Nimm dir von drinnen keinen, der ist da heraußen nicht geachtet.“ So redete ihr beide Eltern zu, Mutter wie Vater. Und der Vater sprach in die Maria hinein: „Der Pist wäre halt ganz der Rechte für Dich und uns und unser Anwesen.“ Da gab sie halt nach und nahm den um 15 Jahre älteren.

Die Ortschaft, in die sich die Familie Dobmaier herauskaufte, hat fünf Anwesen. Da war nun aber ihr allererster Nachbar schon ein Streitmensch, der die Lehre Jesu nicht kannte: Selig sind die Friedfertigen. Kein Grundstück, wenn es einem anderen gehörte, war mehr sicher. Er hatte jahrein, jahraus den königlichen Feldmesser bei sich, der mußte in der ganzen Ortsflur umeinander zirkeln, und wie der Teufel sich freut, wenn ihm eine Seele in seine Höllenklauen geht, beinahe grad so entfand es dieser Streitmensch als sein höchstes Glück, wenn er mal einem Fremden Anwesen einen Feldbifang hinwegreißen und zum seinen hinüberwuchern konnte.

Endlich um 1890 tauschte er sich weit fort zur Isar. Die ganze Ortschaft hielt einen lauten Jubeltag mit Ausnahme einer einzigen Nachbarin, die ein bedächtiges Gesicht aufsetzte und zur Mutter Dobmaier sagte: „Es kommt nichts Besseres nach. Und wenn dieses Uralte Sprichwort wahr ist, dann ist es gescheiter, du jubels grand so wenig wie ich.“ Aber nun kam es mit ganzer Kernfrische zurück: „Wenn nach diesem Streitmenschen etwa noch Ärgeres nachkommen sollte, daß müßte schon der Teufel selber sein.“

 

Oberniedersteinach

Karte aus dem Jahr 1827. Hof Nr. 8 (Muhr) und Nr. 9 (Dobmaier/Leibl)

Quelle: Bayerisches Vermessungsamt München, Uraufnahme aus dem Jahr 1827

 

Die herübergetauschte neue Familie bestand aus den beiden Alten, einer Tochter und zwei Söhnen; der Ältere davon war nur ein eifriger jedoch dabei sehr gemütlicher Stichbrandler, anders aber und gefährlicher war der Jüngere, der Johann. Er trug in sich ein romanhaftschwärmerisches Blut.

Inzwischen lebte die Maria bereits sechs Jahre neben ihren Pist und ach, so wenig glücklich. Zu alldem noch hinzu, daß sie ihn nicht lieben konnte, hatte der Pist halt so gar nichts Feines an sich. Er entzog ihr den Schlüssel zum Geldkasten ganz. Wenn nun ihre Händlerin kam, die Frau …. mit Zucker, Kaffee, Semmeln, Reis, dann hatte die Maria keinen Knopf Geld. Der Pist aber ging jedesmal aus der Stube entweder still kaltherzig oder gar laut brummig. Und das schnitt ihr durch das Herz. Im ganzen Winter mußte sie auf Pump einkaufen und in jedem Monat 30 Mark Schulden machen, um sie dann im Sommer schwer genug mit dem Schmalz- und Eiergeld wieder abzuzahlen. Und jedesmal das einzige, was der Pist seiner Maria heimbrachte, war entweder zu viel Bier oder gar ein Rausch.

 

Bei solchem Wetterstand in der Ehe führte ein ortseingesessener Zech- und Spielbruder die zwei neuen jungen Isarländer beim Pist und der Maria ein. Und weil nicht nur in der Ortschaft selber kein Wirt ist, sondern auch das nächste Bier eine halbe Stunde entlegen, so fuhr sich der Pist einen Banzen nach dem anderen in das Haus für die Feierabende. Die Maria verzapfte den bayerischen Landestrank, und die vier zechten und karteten miteinander. Der erste aber, dem hierbei die Augen zuvielen, war jedesmal der Pist. So konnten sich spielend leicht die Maria und der Johann finden, und in beiden pulste dieselbe feinere Natur und schwärmerische Liebe.

Der Vater Dobmaier erlebte, wie es sein Wunsch war, das hereinbrechende Ehegewitter nicht mehr, denn er starb schon 1888 mit 54 Jahren. Die Mutter Dobmaier wohnte abseits in ihrem Ausnahmhause und konnte so dem Johann und der Maria nicht zusehen. Aber die zweite Nachbarin mit ihren Luchsaugen zischelte es der Schwiegermutter zu, und diese sagte es dem Pist. Er hatte aber für das keine Ohren, keine Augen und keine Gedanken. Er titelte sie nur die drei Dorfklatschen, und zechte und kartete weiter. Ein ehrbares Ehepaar, das dem blinden Pist den Star stechen wollte, klagte er ohne weiteres beim Gericht ein. So wie der Richter den Wahrheitsbeweis abverlangt, und wegen der vielen ehrenrührigen Zungen mit vollem Recht, mißglückte er und trug diesem Ehepaar eine empfindliche Geldstrafe ein. Natürlich schwiegen infolgedessen nicht nur alle anderen, sondern auch die Schwiegermutter erklärte dem Pist: „Ich kann meinen Mund halten, es geht an dir selber aus.“

Der Johann war allerdings nur mehr um fünf Jahre älter als die Maria, aber schöner als der Pist war er eigentlich grad nicht; dagegen viel manierlicher, zärtlicher, schmeichelhafter, weichherziger, verliebter. Von dem Tag an, da dieser Isarländer in das Haus trat, gehörten die Gedanken der Maria schon nicht mehr dem Pist und den Kindern, dem Haus und dem Anwesen. War unvermutet über die Schwelle trat, und die Maria war grad allein zuhause, der konnte sie antreffen: jedes Hausfrauengerät aus der Hand, Besen, Pustschaff, Flicknadel, dafür aber sitzend am Tisch und ihre Augen im Romanbuch voll amerikanischer Abenteuer.

So kam das Jahr 1896. In diesem zogen die sämtlichen Isarländler, weil ihnen ihr Schuldenstand sehr zusetzte, wieder ab. Hierbei wanderten drei nach Amerika hinüber. Der Johann, seine Schwester und der ortseingesessene Spielbruder. Sie kauften sich im Staat New Jersey an, und jetzt flogen wie lauter Goldtauben an die Maria heraus Briefe auf Briefe, die nur Liebe und Glück atmeten. Da war es um sie geschehen.

Ein Samstag im Septembermonat 1897. Der Pist fuhr in allermorgenfrühe in seine Schrannenstadt. Etwas nach Mittag betrat die Maria das Austragshaus, setzte sich auf die Polsterbank und sah sehr verstört aus. „Du mußt etwas Schweres auf dir haben. Wie heut hast du noch gar nie ausgesehen. Was fehlt Dir denn?“ sagte die Mutter zu ihr. Die Maria aber schwieg, und auf das Zeitungsblatt das sie in der Hand hielt, kugelten Tränen nieder. Dann flog sie empor und ging eilig zurück in das Haus, kleidete sich reisefertig, nahm aus der Hose des Pist das gestrige Kuhgeld mit 170 Mark und steckte dafür ihren Abschiedsbrief hinein, gab ihrem jüngsten erst einem Jahr altem Kind, dem Gustl noch ein heißes Eierl und Busserl und sagte tränenerstickt: „Behüt dich Gott, ich seh‘ dich nicht mehr.“

Dieses geschah alles im Einverständnis mit der verschwiegenen Magd, in deren Händen sie noch einen Brief an die Mutter zurückließ, aber mit dem Auftrag: „Übergib ihn dann erst, wenn ich schon auf dem Meer bin und warte zu, bis von mir ein Brief herauskommt, daß es mir gut geht, dann kommst du auch nach.“ Grad während der Pist heute schon um halbvier heimfuhr, kreuzte ihn die Maria, aber auf anderm Weg, und nach drei Stunden bestieg sie in der Schrannenstadt den Zug. Von Amerika aus war schon alles geregelt beim Agenten einbezahlt und bestimmt: Bahn- und Schiffskarte Landungsplatz und Abstiegshaus.

Als der Pist sein Weib nicht mehr sah, fragte er: „Nun wo ist denn die Marie?“ Die Kinder alle miteinander wußten nichts, und die Magd war verschwiegen wie ein Grab, bis der Pist den Brief in seiner Hose fand. Darin stand: „Ich kann dich nicht lieben, und darum nehme ich heute meinen Abschied von dir und meinen Kindern auf ein Nimmerwiedersehn in dieser Welt.“ In jenem Brief aber, den die Mutter erhielt aber stand: „O liebe, o herzliebe Mutter, verzeih es mir. Ich kann ohne meinen Johann nicht mehr leben. Ich fahre zu ihm nach Amerika, selbst wenn mich zur Strafe für meine Sünde das Meer verschlingt. Ich verbleibe deine lebendig tote Tochter.“

Sie verließ an ihrem Fluchttag zu ihrer Mutter und ihrem Mann hinzu noch ihre fünf Kinder: Den Bertl, die Maria (Zenz), den Ottl, den Pist und den Gustl. (Anm: Rupert 10 Jahre, Kreszenz 9 Jahre, Otto 5 Jahre, Johann Baptist  2 Jahre, August 1 Jahr)

 

Wie einem Baum ist, wenn ein urplötzlich niedergefahrener Blitz ihn mitten entzwei gerissen hat und seine andere Hälfte von ihm weit weg geschleudert liegt, grad so war nunmehr auch dem Pist. Von den Kindern griff dieser Fluchttag der Mutter an ersten dem zehnjährigen Bertl das Herz und zwar so rauh, daß er mehrere Tage krank darnieder lag. Er hatte sich schon etliche Ersparnisse zurückgelegt und aus Kindesliebe dieses Geld an seine Mutter hingeliehen, damit sie ihre Hausschulden bei der Frau …. umso leichter löschen konnte. Und jetzt waren mit seiner Mutter zugleich auch seine Ersparnisse nach Amerika durchgegangen und verloren.

Weil der Pist, vom Notfall hierzu gezwungen den weiblichen Haushalt nunmehr seiner Magd übergab, so ging den anderen kleinen Kindern insoweit etwas wesentliches nicht ab, weder das Bett, noch der Tisch, noch die an- und auskleidende Hand. So bekamen sie den ganzen Verlust ihrer Mutter erst nach und nach zu fühlen. Was am ehesten ausblieb, das war der heitere Sonnenschein, der von der Mutterliebe aus- und niederströmt auf alle Kinder. Und darum begannen sie halt doch eins nach dem anderen zu grübeln und zu fragen.

Erst im Haus: „Vater, wo ist denn unsere Mutter solang? Warum kommt sie denn nicht mehr? Ist sie etwa gestorben?“ Die Kinderfragen schnitt dem Pist in seine Seele und hob seine Brust wie übermächtig zum Weinen; kaum daß er noch sagen konnte: „O meine Kinder, es wäre besser, wenn sie gestorben wäre. Eure Mutter lebt allerdings, aber verlassen hat sie mich und euch, und kommt nicht mehr.“ Dann im Austragshaus: „Annl, weißt du auch nicht, wo unsere Mutter ist? Und ob sie gar nicht mehr zu uns hergeht?“ Und nun weinte die Mutter Dobmaier noch viel bitterlicher bei dieser Kinderfrage als der Pist selber und sagte: „O Kinder, o Kinder, eure Mutter ist recht weit fort. Und ihr so stark auftragen, daß sie nochmal hergeht zum Vater zu euch und zu mir, das kann nur mehr der liebe Gott allein.“

Hierbei faltete die Großmutter den Kindern die Hände und betete in herzbrechender Weise mit ihnen zu Gott. Damit war auf eine Weile den Kindern ein Stein wieder vom Herzen, nicht aber dem Vater. Alles kam nunmehr über dem Pist herein,  was den Menschen zehnfach unglücklich macht: Verlegenheit auf Verlegenheit, Elend um Elend, Hilflosigkeit auf Hilflosigkeit.

Sein Christenhaus fiel seit dem unseligen Fluchttag der Maria in die Mäuler aller Leute. Seine ganze Familienehre war damit untergraben, und das empfand der Pist als eine unsagbare Bitterkeit, die ihres gleichen nicht hat. Und wenn das anders sein dürfte, so mußte die heilige Schrift selber unrecht haben in der es heißt: „Besser als vieler Reichtum ist ein guter Mann.“ Kaum daß sich der Pist mehr unter die Augen der Menschen getraute, auch seine ganze Verwandtschaft fühlte sich mit betroffen und scheel angesehen.

Es gab allerdings viele gute verständige Leute, die wie Engel in der Not kamen und ihn mit Wort und Tat sein Herzleid abnahmen, so gut sie eben nur konnten. Wie sehr aber auch dumme böswillige unbarmherzige Zungen an ihrem bekannten Teufelswerk waren, daß ließ sich aus der Tatsache erkennen, daß der Pist aus einer Stimmung in die andere fiel: Heute Weichheit, morgen Zorn.

Und sogar sein kleiner Ottl, der nun erst halb reden konnte, verriet dieses, denn er lallte: „Vater wenn sieht , unsere Mutter erstechen.“ Wenn ihm sein schlechtes davongelaufenes Weib nochmal unter die Augen kommt, dann soll der Pist sein Messer ziehen und sie damit erstechen. Offenbar fiel von böser Zunge so eine Rede in das Ohr des Kleinen.

Diese so überaus trübe Familiennacht wurde erhellt durch eine niedergehende Sternschnuppe. Ein Oktoberbrief kam von der Maria, ihr erster aus Amerika. Aber keineswegs an ihre so viel hintergangene Mutter, dieser zu schreiben, getraute sich die pflichtvergessene Tochter schon nicht mehr. Und an den Pist noch weniger, sondern an ihre liebe Freundin Theres, und das war die Schwester des amerikanischen Spielbruders in Europa. Ein überschwenglich geschriebener Brief vermeldete ihre zweite Trauung und Flitterzeit.

Nun bin ich auf ewig frei vom Pist und mein heißgeliebter Johann gehört mir und ich gehöre ihm. Er trägt mich seit meinem Ankunftstag auf seinen Händen, und arbeiten darf ich in Amerika gar nichts mehr. O wie ist es so schön da, ich mag nicht mehr zurück nach Europa. Die amerikanischen Frauen alle beglückwünschen mich. Ich bin jetzt bei meinem Johann so glücklich wie in meinem ganzen Leben noch nie. Sage es nur jeder und jeden, und dem Pist auch. Das alles stand in dem Brief, der von Hand zu Hand umherging.

Auch dem Frager, der im ersten Kapitel auftrat und seitdem nicht wieder, brachte ihn der Pist und wollte nun wissen: ob denn diese zweite Heirat ihm sein Weib nehmen konnte? Er bekam den Bescheid: „O nein Pist. Das ist nur die amerikanische Staatstrauung allein, und sonst nichts. So lang als euch beide nur das Meer scheidet, nicht aber der Tod, gehört rechtmäßig die Maria euch und ihr der Maria. So gilt es bei Gott, vor unserer römisch-katholischen Kirche, und in eurem und in ihrem Gewissen, nur so und anders nie.“

Die Tränen standen dabei dem Pist in den Augen. „Wenn sie aber nicht mehr zurückgeht zu mir und unseren Kindern? So wie es jetzt ist, ich in Europa und mein Weib in Amerika, dauert es gar nicht mehr lange, dann geht es in unserem Anwesen nicht mehr um“ sagte er, und in seinen Blicken stand – was nun weiter?

„Pist, eure Maria kommt wieder. Ihr amerikanisches Überglück trägt den Stempel der inneren Unwahrheit, ist nur gezwungen und erlogen, nur ein kurzer falscher Schein der wie eine aufgeblähte Seifenblase zerspringt. Diese ganze so ehr- und pflichtvergessene Liebe ist nichts als ein Rausch, und jeder Tausch, und wenn noch so schwer ist, vergeht wieder. Pist, auch der amerikanische Liebesrausch eurer davongelaufenen Maria vergeht.“

Das klang für den Pist in seinem Unglück wie erste tröstliche Prophezeihung, und man sah es ihm an, es war, wie wenn aus rabendunklen Wettergewölk ein lichter, trauter, lieber Stern tritt.

Aber nun mußten auch, um dem so leichtsinnig entlaufenen Weib den ganzen Ernst ihrer Versündigung und ihrer Pflicht zum Bewußtsein zu bringen, und ihre Erkenntnis, Reue und Rückkehr den Web zu ebnen, alle dazu dienlichen Schritte geschehen bei den gesetzmäßigen Obrigkeiten.

Zuerst beim königlichen Amtsgericht. Diesem unterstand ja die bürgerliche Ehe mit ihrem Rechts- und Besitzstand sowie mit ihrer Steuerkräftigkeit, und aus dem weltlichen Trauungsrecht des Staates mußte folgen, daß er auch seinen Schutz gewährte. Hernach beim bischöflichen Ehegericht. Diesen überstand die Ehe mit ihrer katholischen Unauflößbarkeit. Aber in dieser so weitschichtigen heiklen Ehesache, die zwei Erdteile umspannte, versagte den Pist der Gerichtsarm, der geistliche gerade so wie der weltliche. Wie es schien, lag bei diesen Ämtern eine lange reife Erfahrung vor, daß auseinandergelaufene Ehegatten sich viel leichter aus sich selber und ohne die Gerichte wieder zusammenfinden.

Ein Brief vom Pist selber an die Maria wurde in Amerika entweder gleich gar nicht angenommen oder wenn doch, daß gewiß totgeschwiegen und nicht beantwortet. Um dieses voraussehbare Manöver des sündigen Paares das in seiner Staatsehe schwelgte, am ehesten und wirksamsten zu hintertreiben, ging der Pist nunmehr an seine bayerische Gemeindebehörde, der ja ebenfalls daran liegen mußte, dem unglücklichen Anwesen zur Hilfe zu kommen. Diese fertigte eine Eingabe an den deutschen Reichskonsul in den Vereinigten Staaten.

Das kaiserliche Konsulat wußte die treu- und gesetzlos Entlaufene, die alle Pflichten ihrer Familie, ihres Staates und ihrer Kirche von sich warf, gar wohl in ihren amerikanischen Schlupfwinkel zu finden, eröffnete ihr den vollen Inhalt der Eingabe, und brachte ihr hierbei mit allem Nachdruck zur Kenntnis, daß ihre Doppelehe das Grundgesetz aller christlichen Länder verletze und in der Vereinigten Staaten grad so verboten, schwer strafbar und ein Verbrechen war, wie im deutschen Reich. Die erledigte Eingabe folgte an die Gemeinde zurück mit dem Bemerken; eine weitere Macht über entlaufene Ehefrau hat das Konsulat nicht mehr.

Was der Pist in seiner Eingabe an das ehebrüchige Weib erreichte, war folgendes: „Ich bitte und beschwöre dich, kehre wieder zurück zu mir. Dein einziger dir rechtmäßig angetrauter Mann bin nur ich. Erbarmen dich denn deine Kinder gar nicht mehr? Hast du uns den ganz vergessen? Ich wirtschafte mit der Haushälterin nicht vorwärts, sondern zurück. Ich muß das Anwesen verkaufen, kann es aber nicht, weil Du die Mitbesitzerin bist. Entweder kehre zurück zu mir oder stehe vom Anwesen ab.“

Das kaiserliche Konsulat schlug in der amerikanischen Kebsehe ein wie eine Bombe. Ein überaus gereizter Brief kam aus New Jersey an den Pist. Darin stand: „Ich hasse Dich, und ehe ich nochmals zu dir zurückkehre stürze ich mich lieber in das Meer. Ich stehe auch vom Anwesen nicht ab! Gib jeden weiteren Versuch auf, daß ich meinen Johann verlasse. Um die Kinder nimm dich du allein an, sie sind von dir alle fünf. Das letzte Einwandererweib hat es bei uns wie eine gnädige Frau bei euch. Mich bringt niemand mehr nach Deutschland.“ Das alles enthielt der Brief noch weiter.

In dieser Familienlage befand sich der Pist einerseits voll bitterer Niedergeschlagenheit und andererseits voll heißer Aufstachelung. Uns so erschien für den Vater und seine Kinder der Christtag von 1897. Beim Lichterbaum, den diesmal eine fremde Hand aufrichtete, die Magd und die Haushälterin, stand der trostlose Pist und weinte still in sich hinein um sein fernes Weib. Im Anblick ihres Vaters ergriff es auch seine größeren Kinder, die mutterlose Weihnacht zerschnitt ihnen die Seele, sie weinten ebenfalls. Und zwei kleine, der Ottl und der Gustl, die an den Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen keine rechte Freude mehr finden konnten, beteten herzinnig: „O liebes Christkind, so bring uns doch unsere Mutter wieder.“

Hüben in Europa wie drüben in Amerika gingen nach dieser Weihnacht die Tage hinab in das Meer. Der zwanzigste Tag aber brachte von der Mutter einen Brief. Er ging an die liebe Freundin Theres und lautete:

„Es sind bald fünf Monat, seit ich von zu Hause fort bin, und jetzt möchte ich so gern wissen, wie es mit den Meinigen steht. Drei Monat warte ich schon auf einen Brief, und jetzt glaube ich, daß mir meine Schwester auch nicht mehr schreibt. Einmal hat sie mir geschrieben und auch damals, glaube ich, keine Wahrheit. Ich bitte dich, Theres frage die Frau …. wer bei meinen Kindern ist, ob es wahr ist, daß mein kleiner Augustl sich Arm und Fuß gebrochen hat und ob meine Mutter und Schwester auf mich recht zornig sind, weil sie mir gar nicht schreiben.

Ich habe so viel Zeitlang nach allen meinen Lieben, wie ich zuvor nach meinen Johann gehabt. Ich hätte alle, alle sehr lieb, aber ich kann nicht mehr zurück. Ich habe es mir nicht so vorstellen können, wie lieb ich meine Kinder habe, als jetzt, wo ich nicht mehr bei ihnen bin. Aber ich hoffe, ich sehe sie alle wieder, obgleich viele Jahre vergehen werden, und wenn Gott uns das Leben schenkt. Ich werde dir dann wieder schreiben, wie es in Amerika ist. Ich bitte dich Theres, schreibe mir bald.“

Das Christkind ließ sich also nicht umsonst bitten. Das zeigte der Brief schon sehr deutlich an. Es war auch hohe Zeit. Nach der Weichheit in der mutterlosen Weihnacht erfaßte den Pist bereits wieder ein wilder Groll. Er ging mit seinem Schwager zum Bier, wurde von den grad so wieder christlichen wie verstandlosen Hetzerzungen mehrerer Zechbrüder geschürt, trank und trank, und bot im Rausch das ganze Anwesen zum Verkauf aus. Gut, daß sein Schwager als Vormund der Kinder jedes Angebot wie jeden Kauf für nichtig erklärte. Das war, ehe der Brief in die Hand der Mutter und des Pist gelangte.

 

Nun brachen lichtere Tage an. Das Christkind selber führte freilich die Maria dem Pist nicht zurück, das braucht es ja auch niemals. Es waren vielmehr zwei Pfarrämter, die als Werkzeuge dienten – das eine in Europa, dem der Pist angehörte und das andere in Amerika, dem die Maria unterstand. Diese beiden Pfarrämter nahmen mit ebenso viel Eifer wie Klugheit die zerrüttete Ehe in die Hand.

Nur eine heilige Liebe war erloschen und erstorben in der Maria, die treue keusche Gattenliebe für ihrem Pist, aber die andere heilige Liebe lebte und brannte noch in ihr, die Liebe zu ihrer Mutter und zu ihren Kindern; hier konnte die Gnade Gottes zuerst wieder anfassen, und alles andere kam dann nach. Der so trügerische Schleier, der ihr während der zweiten Flitterwochen das wirkliche Amerika verdeckte, viel schon. Ihr so schwärmerisch geliebter Johann war vermögenslos und arm wie eine Kirchenmaus, denn die angekaufte kleine deutsche Farm gehörte dem Spielbruder und lag noch dazu gegen das Meer im schlechtesten Sandboden des Staates New Jersey, der nichts hervorbringt als nur kümmerliche Beerenernten. Um in all ihrer Liebe bei ihrem Johann nicht elend zu verhungern, mußte die Maria in Amerika gar bald noch viel derber zugreifen als in Europa, nicht nur Schuhe flicken, sondern förmlich tagwerkern in schwerer Holzarbeit.

Ihr ganzer amerikanischer Zaubertraum stürzte ein, Stück um Stück. Der größte Segen für sie war, daß sie von ihrem Glauben niemals abviel. So verblieb sie stets in ihrem Pfarrverband und war der katholischen Seelsorge zugänglich. Ihr Johann wollte es schon anders, trachtete tiefer hinein in die Vereinigten Staaten, um die Maria von ihrem Pfarrer wegzubringen. Er war ein Süddeutscher, führte sein Pfarramt mit aller Gewissenhaftigkeit, beehrte und überzeugte die Maria mit strengen wie guten Worten, daß jede entlaufene Ehefrau wieder zurückkehren muß zu ihrem rechtmäßigen Mann und ihren Kindern. Während so das Rettungswerk, das die beiderseitigen Pfarrämter an der Maria vollbrachten, die Hineinreise in das tiefere Amerika hinauszögerte, kam der Finger Gottes über den Johann. Er viel in ein unheilbares Siechtum.

Sie selber schweigt hierüber wie ein Grab. Wenn aber andere mehr geflüsterte als laute Andeutungen die Wahrheit hierüber enthüllen, so war es ein tödliches Rückenmarkleiden, das ihm die Wirbelsäule ganz einkrümmte. Er mußte am Boden kriechen und war ein leibliches Ebenbild Gottes mehr. Es schien beinahe, wie wenn der Himmel ihn als den Hauptschuldigen von dieser Sündenehe zu einer stärkeren Strafe und Buse zog.

Und grad in dieser Zeit lief wieder ein Schreiben vom Pfarramt in Europa ein. Sie wurde zu ihrem amerikanischen Pfarrer gerufen, der ihr den Inhalt mitteilte, und sie auf das allerdringenste ermahnte; sie solle nach Deutschland zurückkehren zu den Ihrigen. Sie versprach es und ging, seufzte aber unterwegs schwer auf: „Ach wenn ich nur könnte.“ In dieser Stimmung betrat sie ihre gemeinsame Wohnung. Da lag ihr Johannes von eigener Hand entleibt am Boden, neben ihm war sein abgeschossener Revolver und Stück Hirnschale mit einem Büschel Haar hing an der Zimmerdecke.

Damit war das ehebrecherische Liebestheater aus für immer. Die dicke Satanskette, mit welcher der Johann die Maria an sich schmiedete, war durchrissen. Dieses mußte kommen, ob so, ob anders, denn noch heute gesteht sie zu: Ohne seinen Tod hätte sie ihren Johann nicht mehr verlassen.

Nach katholischer Gewohnheit aus Bayern verweigerte der schwerkranke Ehebrecher auch in Amerika den Pfarrer nicht, sondern nahm ihn an, ihn und was er ihm sagte. Vielleicht war es noch eine letzte irdische Anwandlung: „Für mich ist sie verloren, so wie so, daher räume ich mich selber aus dem Weg, damit sie zurückkehren kann zu ihrem Pist und zu ihren Kindern.“ Das wäre dann noch ein klein wenig Licht, das aus diesem schaurigen Selbstmord flackert.

Die Maria schrieb nunmehr an ihre Mutter: „Ich komme zurück.“ Der Krieg war ausgebrochen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien, und richtete in vielen Geschäftshäusern schon solche Verheerungen an, daß die Leute genug im breiten Fluß von New Jersey, Delaware, ihren Tod suchten. Es fand sich gerade noch ein letztes Schiff, das nach Europa ging und das die Maria besteigen konnte. Von den wenigen Besitzstücken ihres Johann nahm sie kein einziges anderes mit, nur seinen Revolver allein als schauriges ewiges Andenken von Amerika. Das Kuhgeld aus Europa, die 170 Mark, die unangegriffen in ihrem Besitz lagen, konnten und mußten dazu dienen, die Überfahrt zu bestreiten.

Grad nach der allgemeinen bayerischen Kirchweihwoche, also im Oktobermonat 1898, kam die Maria an, in der Schrannenstadt, wo sie in den Zug einstieg, stieg sie von Zug wieder aus. Von dort schrieb sie dem Pist: „Ich bin zurück. Wenn ich nicht mehr zu dir darf, nun dann muß ich halt in einen Dienst gehen. Wenn ich aber nochmal zu dir darf, dann hole mich ab. Ich bin bei ….  Nimm aber den Ottl und den Gustl mit.“

Der Pist war freilich durch seine Schwiegermutter von der reuigen Rückkehr schon verständigt. Aber der viele Unmut loderte bei ihm nochmal auf aus der glimmenden Asche. Er ging mit seinem Brief hinüber in das Austragshaus und sagte: „Kannst du jetzt hinausfahren um sie.“ Die Mutter Dobmaier schüttelte aber dazu den Kopf: „O nein Pist, fahre du nur selber. Oder geh zu deinem Bruder auf euren Hof, daß er um sie fährt.“ Nun ging er zu Rupert hinüber. Und der Bruder, der ein ebenso verständiger christlicher Mann ist, ein gradso christliches verständiges Weib hat, sagte ihm: „So spann nur gleich ein und hol sie, nicht ich, sondern du, denn du gehst zu Grund ohne sie. Merk nicht auf andere Leute, ob diese so sagen oder so. Verzeih ihr und geh gut um mit ihr. Gebt einander wieder die Hand. Und kränke sie nicht mehr mit Vorwürfen. Ohne alle Schuld bist du auch nicht. Schlage an dein eigenes Herz.“ Der Pist wischte sein nasses Auge aus, und fuhr um seine Maria. Was sie unterwegs miteinander sprechen, war nur ganz wenig, aber es genügte vollständig, denn es lautete: „Verzeih mir Pist.“ – „ich verzeih Dir Maria.“

Bei dunkelnder Zeit, um den Gaffenden zu entgehen, erreichten sie das Haus. Mit dem Freudenwort: „Jetzt bin ich wieder da“ schloß sie alle in ihre liebenden Arme. Und nun Leben Pist und Maria in neuer ungetrübter Ehe und ihren fünf Kindern sind noch zwei andere gefolgt.

Der Pist fühlt sich überglücklich, daß er sein Weib wieder hat und damit von seinem Hauselend heraus ist, die Maria aber „preist jetzt ihren Pist“, weil er auch ihr freie Hand läßt und Geld und nicht mehr so viel zum Bier geht. So verkündet freudeverklärt die Mutter Dobmaier. Die bösen Wetterstimmen haben alle schon umgesteckt und gestehen zu: „Der Pist und die Maria haben einander jetzt lieb, lieber als zuvor.“

Aber freilich so landhübsch wie früher kam die Maria herüber nicht mehr. Die Jugendrosen sind weg aus ihrem Gesicht. Dieses einzige Jahr in Amerika hauste an ihrer Schönheit schlimmer als zehn Jahre in Europa. Was sie aber nicht drüben ließ, sondern wieder zurückbrachte, das war ihr herzgewinnendes Wesen. Von diesen, das auch den unglücklichen Johann schon so sehr anzog, entwirft uns die alte Mutter Dobmaier mit ihren 68 Jahren noch heute ein reizendes Bild: Hier steht es:

„Den größten Verdruß hat mir meine Maria gemacht, und doch hab ich grad sie am liebsten. Warum, das weiß ich selber nicht. Von allen meinen anderen Kindern hab ich so viel wie keinen Verdruß erlebt. Und doch hab ich keine so lieb wie die Maria.“ Sie verzeiht ihr daher längst ihren ganzen Fehltritt, die Maria aber sagt zu ihr:“ O Mutter, ich hab an meinen Pist jetzt einen viel lieberen Mann. Ganz umsonst bin ich doch nicht über das Meer gefahren.“

Einige Tage vorüber, ging der Pist in das Pfarramt und meldete den glücklichen Ausgang mit „Ende gut alles gut“ dort an. Hierbei verschwieg er auch nicht daß mehrere Leute ihn anschürten: „Den grundschlechten Fetzen, den, wann er kommt, aushauen und nicht aufnehmen, das tät ich ihm“, aber auch das nicht, was ihm sein Bruder für einen Rat gab und wie er diesem folgte. Da legte der Pfarrer seine Hand dem Pist auf die Schulter, sprach ihm dann sein ganzes Lob aus und bestätigte: „Das andere sind dumme Unchristen. Recht allein euer Bruder der Rupert, er ist mit Kopf und Herz, Rat und Tat ein wahrhafter Mann und Christ.“

 

Zum Hintergrund der Familie:

Johann Baptist (Pist) Leibl stammte aus dem 114 Tagwerk großen Leiblhof „auf der Wies“ Nr. 7 in Unterniedersteinach.

Johann und Walburga Leibl aus Schillertswiesen hatten den Hof am 17.10.1735 von Joseph Schuhbauer gekauft. Die Nachfahren der beiden hatten in fast alle Höfe von Ober- und Unterniedersteinach eingeheiratet. Außerdem bestand zu vielen Bauern in Steinach und Umgebung eine verwandtschaftliche Beziehung.

Den Hof hatte Rupert Leibl 1884 von den Eltern Joseph Leibl und Maria, geb. Knott, einer Bauerstochter aus Steinach, übernommen. Der Bruder Johann Baptist bekam sein elterliches Erbteil ausbezahlt und brachte somit eine ordentliche „Mitgift“ in den Dobmaier-Hof mit ein.

Rupert war mit der Rothamer Bauerstochter Katharina Rothamer verheiratet. Die Familie verkaufte am 24.07.1902 den Hof an August von Schmieder, der die Felder und Wiesen für sein neues Gestütt benötigt und zogen nach Niederharthausen. Die Gebäude wurden alle abgerissen. Von dem Hof ist nichts mehr zu erahnen.

 

Unterniedersteinach 1827

Unterniedersteinach bestand ursprünglich aus drei Höfen:
Nr. 5 Der ganze Ungerhof, Nr. 6 Das halbe Peselgut und Nr. 7 der Leiblhof

Quelle: Bayerisches Vermessungsamt München, Uraufnahme aus dem Jahr 1827

 

1902 bzw. 1903 kaufte der Steinacher Schlossherr August von Schmieder die drei Höfe auf und errichtete an den Hofstellen 5 und 6 das neue Gestütt. Nur das Niemaier-Wohnhaus wurde renoviert und als Wohnhaus für die vier Gestütswärter umgebaut, alle weiteren vorhandenen Gebäude wurden abgerissen.

Die Dobmaier’s stammten von Blaibach und tauschten 1872 ihr Anwesen in Blaibach gegen den Hof (beim Weber) in Oberniedersteinach Nr. 9 mit 75 Tagwerk im Gegenwert von 10.611 Gulden.

Im August 1884 starb die Schwester Karolina Dobmaier mit 22 Jahren. Drei Monate später, am  23.11., heiratete Maria mit 19 Jahren Johann Baptist (Pist) Leibl. Ein Jahr später kam der erste Sohn Rupert zur Welt, der jedoch bereits nach 5 Wochen wieder starb. Fast jedes Jahr folgte ein weiteres Kind. Der Vater Michael Dobmaier starb am 28.04.1888 im Alter von 54 Jahren an Lungentuberkulose.

Am 30.12.1889 kauften Joseph und Anna Muhr den Nachbarhof Nr. 8 mit 32 Tagwerk Grund um 25.000 Mark und zogen mit zwei Söhnen und einer Tochter Maria nach Oberniedersteinach. Woher die Familie genau kam, ist nicht bekannt.

 

Als Maria im September 1897 ihre Familie verließ war sie 32 Jahre alt, und hatte bereits sieben Kinder geboren, von denen zwei im Kindsalter verstorben waren. Was muss in dieser Frau vorgegangen sein, als die den Entschluss fasste, ohne Rücksicht auf ihre fünf kleinen Kinder, Mutter und Ehemann die Heimat für immer zu verlassen. 

Ihre große Liebe, Johann Muhr, erschoß sich im Alter von 43 Jahren in Egg Harbor City, New Jersey, USA. In der Sterbeurkunde wird er als verheiratet bezeichnet.

Nach ihrer Rückkehr im Oktober 1898 bekam sie nochmals vier Kinder, von denen jedoch zwei wiederum im Kindsalter verstarben.

Maria kam gezeichnet von Amerika zurück. Bereits im Alter von 45 1/2 Jahren verstarb sie am 25.03.1911 an Blutarmut und hinterließ sieben Kinder, von denen das jüngste 3 1/2 Jahre  alt war.

Ihr Ehemann verkaufte 1912 den Hof in Oberniedersteinach an August von Schmieder und zog nach Steinach. Er starb dort im Alter von 73 Jahren am 22.07.1924.

Auch in Oberniedersteinach ist von den Gebäuden des Dobmaier/Leibl-Hofes heute nichts mehr vorhanden.