Der halbe Fischerhof

 

heute Mühlenweg 2

 

von Claudia Heigl

 

 

Dieser ehemalige Hof direkt an der Straße nach Cham ist eines der uralten Anwesen in Wolferszell.

Der Hof gehörte zum umfangreichen Besitz der Grafen von Bogen. Durch die Heirat der Grafenwitwe Ludmilla von Bogen 1204 mit dem bayerischen Herzog Ludwig I. kam er in das Eigentum der Wittelsbacher und wurde daher vom Rentkastenamt Straubing verwaltet.

 miedaner hof

Die Hofstelle des Hofes aufgenommen 2016
Bild: Claudia Heigl

 

 

15791 ist der Hof im Besitz von Georg Grimb.
Das sog. Leibgeding läuft aber auf die Khurn-Geschwister. Deren Eltern dürften das Leibrecht auf den Hof für sich und ihre Kindern käuflich erworben haben.

Dieses Leibrecht ist eine Lehensform, die an bestimmte Personen gebunden ist und mit deren Tod endet. Das Leibrecht kann auch "weiterverkauft" werden, endet aber mit dem Tod der ursprünglich Berechtigten dann auch für den Käufer. Durch eine "Kaufsumme" kann das Recht erneuert werden, wenn der Grundherr diesem zustimmt.
Im Salbuch von 1579 ist der Hof mit den Rechten ausführlich beschrieben.
Aufgrund eines durchgehenden fürstlichen Leibgedingsbrief, ausgestellt vom Herzog Wilhelm und seinem Bruder Ludwig im Jahr 1544, haben Wolfgang Khurn von Zerspenzell (Kaspernzell?), Georg Khurn von Straubing, Elisabeth, Hansen Haslpeckhens zu Straßkirchen eheliche Hausfrau und Margaretha, Georgen Steckhens zu Stippich Hausfrau, alle fünf Geschwister, Leibgeding. Zum Hof gehört „eine hilzerne Behausung, ein Stadl mit einer Tenne, Stall und ein Backofen, alles mittelmäßig erbaut.“

Auf der Mühle in Wolferszell finden wir um diese Zeit ebenfalls die Familie Grimm. Ggf. ist Georg ein Bruder des Müllers Sigmund Grimm.

 

Als Besitznachfolger wird 1597 ein Jakob Rormair genannt2, gefolgt von Andreas Grimm, dann dessen Witwe, die in zweiter Ehe mit einem Wolf Feuerl (Foidl) verheiratet ist.

 

Nach ihm ist Konrad Liebhaber auf dem Hof. Dieser Konrad Liebhaber wird mit seiner Ehefrau Eva von 1640 bis April 1647 in den Kirchenbüchern von Steinach als Bauer in Wolferszell genannt.

Vier Liebhaber-Kinder werden in Wolferszell geboren:
- Katharina + 20.05.1640
- Georg * 03.01.1641
- Maria * 02.05.1643
- Johann * 01.04.1647

 

Als das Schwedenheer ab Juli 1647 drei Monate in der Gegend haust wird der Hof verwüstet und die Einwohner entweder vertrieben oder getötet.

Die nächsten Jahre sind auf dem Hof kein Bewirtschafter mehr zu finden und die Äcker und Wiesen veröden3.

 

Ab 1651 folgt ein Georg Wollerstorfer und dessen Ehefrau Maria Katharina geb. Irlmayer4.

Aus einem Geburtsbrief für Sohn Bartholomäus geht hervor, dass sich Georg mit seiner Ehefrau zuerst in Weingarten häuslich niedergelassen hatte, bevor er nach Wolferszell kam5.

Bartholomäus Wallerstorfer von Wolferszell möchte sich in Pilsen, Böhmen, sesshaft machen und bitten um einen Geburtsbrief. Andreas Irhlmayer von Schoppihel 65 J und Sebastian Kornprobst zu Wolferszell 63 J. bezeugen glaubhaft das er ehelicher Geburt ist. Bartholomäus Wallerstorfers Vater, Georg Wallerstorffer hat vor 37 oder 38 Jahren Katharina weil. Stephan Ihrlmayer gew. Bauer in Wollersdorf und Eva ehelich erzeugte Tochter in der Pfarrkirche Kreuzkirchen geheiratet und die Hochzeit Mahllzeit bei Georg Heibl Wirt am Pürgl gehalten und sich im Dorf Weingarten häuslich niedergelassen und neben anderen Kindern auch den Bärtl von ungefähr 24 Jahren, ehelich erworben.

ausgestellt am 29.10.1683

 

Georg Wollerstorfer und alle weiteren Hofnachfolger werden ab 1651 gleichzeitig auch auf dem „1/16 Webergütl“ Haus Nr. 11 (Chamer Str. 8) als Besitzer aufgeführt.

Auch dessen Besitzer dürften den 30jährigen Krieg nicht überlebt haben. Das Webergütl gehörte als Leibgedingshäusl bis 1791 zum Hof.

 

Uraufnahme Fischerhof

Der Fischerhof hatte die Hs.Nr. 21, die Webersölde die Hs.Nr. 11

Uraufnahme ca. aus dem Jahr 1830
Quelle: Bay. Vermessungsverwaltung München, Bayernatlas

 

 

Der Hof bleibt nun 220 Jahre, von 1651 bis 1875, in der Familie, auch wenn sich in den sieben Generationen durch Heirat und Übergabe der Familienname immer wieder ändert.

 

Wollersdorfer Wartern Besitzer

 

Nach dem Tod von Georg Wollerstorfer heiratet die Witwe 1668 den Bauerssohn Markus Wartner von Scheibelsgrub.

Den Hof übernimmt 1680 die Tochter aus erster Ehe, Walburga Wollerstorfer. Sie ist in erster Ehe mit Johann Schmidbauer von Wolferszell verheiratet, der jedoch bereits nach acht Jahren Ehe stirbt.

Die Witwe nimmt daraufhin 1684 Gregor Wacker von Anning zum Ehemann.

Hofnachfolger wird 1727 Sohn Mathias Wacker der sich mit Anna Maria Schleinkofer von Haibach vermählt.

 

Der Hof geht 1763 wieder an einen Sohn, Andreas Wacker, der die Bauerstochter Ursula Hilmer von Münster zur Ehefrau nimmt.

Als der erst 34jährige Bauer stirbt, holt sich die Witwe Michael Stubenhofer von Hof bei Stallwang als Bauern auf den Hof.

 

Den Hof übernimmt 1784 wiederum eine Tochter aus erster Ehe – Katharina Wacker, die sich mit Josef Weber von Aufroth vermählt.

 

Nach dem Tod der Mutter übernimmt Jakob Weber den Hof von seinen Geschwistern.

Er heiratet 1831 die Bauerstochter Anna Geiger von Thurasdorf. Die 32jährige stirbt 1833 an den Folgen einer Geburt. Der Witwer nimmt daraufhin die Schmiedstochter Anna Maria Zwickenpflug aus Wolferszell zur zweiten Ehefrau.

Als zusätzlichen Nebenerwerb errichtet Weber auf seinem Grund zwischen Steinach und Wolferszell einen Ziegelstadel, in dem er Ziegel brennt.

 

Tochter Therese aus dieser zweiten Ehe erbt den Hof und heiratet 1856 den Bauerssohn Joseph Hilmer von Niederkinsach.

 

 Wacker Hilmer Besitzer

 

Der Hof bekommt innerhalb von zwei Jahren vier Besitzer

Am 23.08.1875 verkauft Joseph Hilmer den Hof mit 96,46 Tagwerk Grund an Jakob Götz um 25.300 Gulden. Ein Jahr vorher kam es zwischen Hilmer und dem Aichmüller Alois Hartberger noch zu einer Auseinandersetzung wegen einer Beleidigung.

 

 

 Beleidigung Hilmer Hartberger 1874

Straubinger Tagblatt 1874

 

 

 bavarikon

 So könnte das Haus bereits beim Verkauf 1875 ausgesehen haben.
aufgenommen 1939
Quelle: Archiv für Hausforschung des Instituts für Volkskunde, München, Inventarnummer: r0013001
Fotografen Helmut Stecher/Helmut Prechter, 1939
veröffentlich in Bavarikon

Das Haus hatte noch einen Schrot (Balkon).
Der Schrot war ein geschützter, luftiger Wirtschaftsraum, der z.B. zum Trocknen von Flachs, zum Aufstellen von Bienenkörben oder ggf. zum Einbau von Taubenverschlägen diente.

 

 

 

 Am 25.10.1875 verkauft Götz die Hofstelle mit 26,57 Tagwerk Grund an Anton Ring um 6.500 Gulden. Den Ziegelstadel veräußert er getrennt vom Hof.

Ring tauschte jedoch die Hofstelle am 24.02.1876 mit Wolfgang und Anna Maria Miedaner gegen das Anwesen Nr. 15 in Wolferszell.

 

 Miedaner Besitzer

 

Am 11.10.1887 übernimmt den Hof Sohn Wolfgang Miedaner, der 1891 Anna Schickl von Tragenschwand heiratet. Von ihren dreizehn Kindern sterben zwei im Säuglingsalter.

 

fo wolf 167

 Wolfgang und Anna Miedaner mit neun ihrer elf Kindern
Karolina, Maria, Peter, Ottilia, Rosina, Therese, Kreszenz, Alois, Johann
aufgenommen ca. 1915
Bild: Familie Brielbeck, Ascha

 

 

Als nächster Hofbesitzer folgt sein Sohn Peter (1898-1959), der sich mit der Bauerstochter Maria Steger (1899-1975) von Haselbach vermählt.

 fo wolf 160

Familie Miedaner um 1950
(Bild: Familie Brielbeck, Ascha)

 

 

miedaner hof 1990

Der Schrot war schon ca. 1950 nicht mehr vorhanden. Später wurde der erste Stock in der Mitte auch nochmals erhöht.
 Das alte Bauernhaus wurde im März 1990 abgerissen.
(Bild: Familie Brielbeck, Ascha)

 

 

 

 

 

1 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B38, Sal- und Urbarsbuch des Rentkastenamts Straubing, Band II 1579-1807, fol 128
2 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B100, Steuerbuch des fürstl. Kasten Straubing 1597
3 StA Landshut,  Rentkastenamt Straubing B90, Schmalzbuch des Kasten Straubing 1641-1650
4 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing, P59,  fol.127  Heiratsvertrag vom 25.10.1662
5 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing, P65 II,  fol. 156  Geburtsbrief für Bartholomäus Wallerstorfer aus Wolferszell ausgestellt am 29.10.1683

 

Weitere Quellen:
Vermessungsamt Straubing, Liquidationsprotokoll der Steuergemeinde Agendorf von 1836
StA Landshut, Grundsteuerkataster 17/2-7 Umschreibeheft von Agendorf 1843 - 1859
StA Landshut, Grundsteuerkataster 17/2-10 Umschreibeheft von Agendorf 1859 - 1894
StA Landshut, Grundsteuerkataster 17/2-14 Umschreibeheft von Agendorf 1894 - 1960
BZA Regensburg, Pfarrmatrikel der Pfarrei Steinach

 

Stand: 17.02.2024