Fahrzeugsegnung in Gschwendt

 

von Cornelia Landstorfer

 

Für die Kirche in Gschwendt wählte man den Hl. Christophorus, der als Schutzheiliger der Reisenden gilt, als Kirchenpatron. Eingebettet in das Kinsachtal und an der vielbefahrenen Landstraße gelegen, war der Ort und damit auch dieses Gotteshaus früher Anlaufpunkt für viele Handelsreisende und Fuhrleute von und nach Böhmen. Christoph Wagner, aus dessen Vermögen die finanziellen Mittel zum Bau der Kirche stammten, war ebenfalls Handelsmann und auf seinen geschäftlichen Reisen nach Böhmen ständig großen Gefahren, beispielsweise durch Überfälle, ausgesetzt. Das mag neben der Tatsache, dass Wagner mit Vornamen Christoph hieß, der Grund für die Wahl des heiligen Christophorus als Kirchen-Patron gewesen sein. 

 

Christopherus

Auf der Turmspitze schaute früher ein hl. Christophorus ins Land hinein, der allerdings wegen starkem Rost 1963 einem vergoldeten Kreuz weichen musste.

 

Wanderer, Reisende, Fähr- und Fuhrleute und auch Schiffer verehrten seit jeher den hl. Christophorus. Auch als Schutzpatron bei Wassergefahren und als Patron gegen Unfälle des „modernen“ Verkehrs wurde dieser Heilige angebetet. Als allmählich die Anzahl an motorisierten Fahrzeugen zunahm, gab es leider auch steigende Zahlen an Toten und Verletzten durch den zunehmenden Straßenverkehr zu beklagen.

 

 Christopher Gschwendt

 St. Christopher an der Kinsach-Brücke in Gschwendt
Bild: Cornelia Landstorfer

 

 

1936 wurde aus diesem Grund in der Christophoruskirche in Gschwendt die Fahrzeugsegnung eingeführt.

Initiiert wurde die Weihe von Anton Sittl aus München, der diesbezüglich mehrere Briefe an den Steinacher Pfarrer Aschenbrenner schrieb mit der Bitte, in der Christophorus-Kirche in Gschwendt, die zur Pfarrei Steinach gehört, eine Fahrzeugsegnung einzuführen:

„Hochwürdiger Herr! Der moderne Verkehrstod fordert immer mehr Opfer an Menschen, Material und Volksgut. Die Zahlen wachsen ins Riesenhafte! Da ist es angebracht, denen, die die staatlichen Vorschriften gar aus Leichtsinn oder Bosheit mißachten, das Gebot Gottes der Liebe zu den Mitmenschen und die Achtung vor diesen und ihren Sachwerten ganz energisch einzuschärfen. Ausserdem gibt es auch hunderte von Unfällen, bei denen Leidtragende vollkommen unschuldig getötet werden oder schwer verletzt werden. Diese sollen auf die Kraft des Fürbittgebetes unserer hl. Religion ganz besonders hingewiesen werden. [….]

In Ihrer hl. Kirche ist ein St. Christophorus-Heiligtum, bzw. Ihre hl. Kirche ist dem Hl. Christophorus geweiht, der bekanntlich von alters her der Patron der Fähr- und Fuhrleute und in neuerer Zeit auch der Radfahrer und Kraftfahrer ist. Schließlich verehren ihn alle Verkehrsbeamten, die von sich sagen, dass „sie mit einem Fuß im Grab und mit einem Fuß im Zuchthaus sind“. Ich bitte Euer Hochwürden, am Sonntag vor oder nach dem St. Christophtag (25. Juli) nach dem hl. Gottesdienst Räder und Fahrzeuge Ihrer Pfarrkinder zu weihen und hierzu am Sonntag vorher durch einfache Verkündung einzuladen. Die Fahrzeuge möchten mit Blumen geschmückt sein. Falls die rituelle dreimalige Umfahrt um die Kirche platztechnisch möglich ist, soll diese auch eingehalten werden. […..]

St. Christophorus segne uns, mahne uns und führe uns!

Ergebenst, Anton Sittl“

Pfarrer Aschenbrenner setzte das Anliegen Sittls noch im selben Jahr in die Tat um und folgte damit dem Beispiel anderer Orte, wie Ebersberg in Oberbayern, wo bereits 1932 die erste deutsche Christophorus-Fahrt stattgefunden hatte. Vorschriften, Gesetze und Mahnungen sollten durch die Weihe untermauert werden.

 

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Segnung der Schnellfahrzeuge in Gschwendt durch Pfarrer Aschenbrenner 1943
Bild: Centa Leibl

 

Aus der Korrespondenz geht hervor, dass Anton Sittl dem Steinacher Pfarrer auch Vorschläge bezüglich der Gestaltung der Fahrzeugsegnung machte. Ein einfacher Weiheritus sei demnach ebenso möglich wie eine feierliche Gestaltung mit Fahnen und Girlanden an der Kirche, geschmückten Häusern und einer zusätzlichen Feier im Gasthaus.

Die katholische Presse sollte ausserdem für überregionale Bekanntmachung der Fahrzeugsegnung sorgen. Tatsächlich wurde sogar zusätzlich eine Wallfahrt mit geschmückten Fahrzeugen von Steinach nach Gschwendt durchgeführt.

 

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 Festlich geschmückter Traktor der Familie Bogenberger aus Steinach für die Fahrzeugweihe ca. 1950
Bild: Familie Zollner

 

Ein Schreiben berichtet, dass „an dieser Gnadenstätte auch alljährlich der im Weltkrieg gefallenen Kraftfahrer und Flieger“ gedacht wird. Sittl hatte als Feldkraftfahrer im ersten Weltkrieg viele Kameraden, darunter Kraftfahrer, Flieger und auch Radfahrer verloren. Das wird wohl einer der Beweggründe gewesen sein, warum sich dieser Mann so eifrig für die Einführung der Fahrzeugsegnung eingesetzt hatte.

Bis in die heutige Zeit hat sich die Segnung der Fahrzeuge erhalten. Autos, Fahrräder, Mopeds und Traktoren aus Gschwendt und den umliegenden Ortschaften werden jedes Jahr aufgestellt, um die Weihe zu empfangen und damit hoffentlich sicher und unversehrt zu bleiben. Als sichtbares Zeichen erhalten die Fahrzeuge eine Plakette.

 

Fahrzeugweihe 1994

Fahrzeugsegnung 1994 durch Pfarrer Gerhard Maas
Bild: Cornelia Landstorfer

 

 

Quelle:
Pfarrarchiv Steinach