Der verschwundene „Kirchhof“ Hs.Nr. 29 in Rotham

 

von Claudia Heigl

 

 

In Rotham waren seit Urzeiten drei Höfe vorhanden. Als der sog. "Kirchhof" 1842 zertrümmert wird, werden auch die Gebäude des Hofes komplett abgetragen.
Heute erinnert nichts mehr von der Existenz dieses alten Bauernhofes.

 

 

Uraufnahme RothamDer Kirchhof in Rotham hatte die Hs.Nr. 29
Die Zahlen auf den Flurstücken sind die Hs.Nr. des jeweiligen Hofes zu dem sie gehörten.
Uraufnahme aus dem Jahr 1827
 Quelle: Bay. Vermssungsverwaltung München, Bayernatlas

 

 

 

Die Sölde in Rotham gehörte zum Einzugsgebiet des Domkapitel Augsburg und wurde ursprünglich den Steinacher Burgherren Warter von der Wart als Lehen verliehen.

14411 verkaufen Wolfgang, Jörg, Christoph, Max und Wandula von der Wart die viertel Sölde in Rotham an das Gotteshaus St. Michael in Steinach. Diese Sölde war ein Erbstück der Mume sel. Katharina Witwe des Leopold von Buchberger. Von da ab wird der Hof auch als „Kirchhof“ bezeichnet.

 

Familie Krapf und Hien

1449 kommt die Familie Krapf (weitere Schreibweisen Khrapf, Kropf, Chropf) auf den Hof, der die nächsten 300 Jahre in der Familie bleiben sollte 2.

14583 nimmt Linhard Krapf (auch Kropf) vom Augsburger Probst ein Viertl Bau zu Lehen, das von Hansen Pauerl herkommt. Dieser Linhard (Liendl) Krapf liefert 1471 auch zusammen mit seinem Nachbarn Andre zu Rotham 14 Hennen und 3 Hähne zu den domkapitlischen Mahlzeiten nach Straubing, die dort jährlich abgehalten werden.4

15365 finden wir einen Ulrich Krapf in den Steuerbüchern.

15716 führt ein Hans Krapff von Roitham, zusammen mit dem Straubinger Bürger Peter Stainhover und ihren Gesellen, diverse Handelsfuhren durch und zahlen hierfür in Straubing Steuern. Neben Getreide, Flachs, Schmalz ist die Hauptware vor allem Salz was sie befördern. Die Salzlieferungen in das salzlose Böhmen ist eine sehr lukrative Einkommensquelle. Das Salz kommt donauaufwärts mit den Schiffszügen und wird in Straubing zwischengelagert. Von dort fahren es Händler nach Böhmen und verdienen damit ein Vermögen. (Siehe hierzu auch "Der Salz-Fuhrhandel" .)
15847 versteuert "Hans Chropf" und seine Gesellen nochmals 50 Scheiben Salz im Mautamt Bogen und 15878 finden wir ihn erneut im Steuerbuch des fürstlichen Kastenamts Straubing.

 

1579 wird der Hof in Rotham im Sal- und Urbarsbuch wie folgt beschrieben9:
Hanns Kropf hat innen ein viertl Bau vermög eines Erbbriefes, von weilandt Georg Erber Pfarrer zu Steinach, Steffan Pielsteiner und Hanns Prikhel, Kirchbrosten daselbst. Im Jahr 1449 verfertigt. Ist ein durchgehender Erbbrief zu solchem Viertl Bau gehört eine hölzerne Behausung, ein Stadl mit einer Tenne, Stall und ein Backofen, alles mittelmässig erbaut.
Hans Kropf besitzt außerdem noch einen Acker mit 65 Bifang im „Pruckfeld, der an die Pabst Bruck stösst“ und sieben Tagwerk Wiese in der „Praittenwißsstatt“ bei Pellham.10

 

161811 wird ein Melchior Kropf als Bauer auf dem Hof in Rotham verzeichnet.

Um 1630 stirbt der Bauer und hinterlässt neben der Witwe Maria drei unmündige Töchter: Eva, Barbara und Maria. Die Witwe Maria Kropf heiratet den Bärnzeller Bauern Andreas Söldner und verkauft den Hof in Rotham an Wolfgang und Elisabeth Fläckl von Pellham um 1400 Gulden. Neben der Witwe bekommen ihre drei Töchter davon zusammen 900 Gulden und ein Georg Kropf zu Unterparkstetten (wahrscheinlich ein Bruder des Melchior Kropf) 200 Gulden 12.

 

Flaeckl Rotham

 

 

Sechs Jahre später ist Wolfgang Fläckl bereits gestorben.  Sein Tod könnte mit dem ersten Einfall des Schwedenheeres, das von November 1633 bis April 1634 unsere Gegend gewütet hat, zu tun haben. Denn Wolfgang Fläckl war noch 600 Gulden vom Kaufpreis schuldig und zu diesem Preis, gibt nun seine Tochter Eva, verheiratet mit Georg Stubenhofer von Gschwendt, den Hof in Rotham 1636 wieder an die Familie Kropf zurück. Die Mutter Maria Söldner und ihre Tochter Maria Kropf übergeben daraufhin den Hof an ihre Tochter bzw. Schwester Eva13. Durch die schwedischen Verwüstungen lagen viele Höfe verödet da und hatten nur noch einen Bruchteil ihres Wertes.

 

 

Kropf Hien Rotham

 

 

Eva Kropf ist mit Michael Hien von Gschwendt verheiratet. Das Ehepaar hat acht Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichen:
- den Hoferben Andreas Hien
- Georg Hien heiratet 1666 in den Resch-Hof in Oberniedersteinach Hs.Nr. 10 ein
- Maria Hien (*1640) heiratet 1661 Johann Rothamer, Bauer in Agendorf Nr. 38 (heute Kettl)
- Anna Maria Hien (*1652) heiratet 1674 Georg Bründl vom Nachbarhof in Rotham Nr. 33

 

Am 10. März 1678 übernimmt Andreas Hien den Hof in Rotham von seiner verwitweten Mutter Eva14. Der älteste Sohn hatte bereits 1658 die Münsterer Bauerstochter Katharina Sieber geheiratet und war bis 1668 als Bauer in Münster ansässig. Von ca. 1670 bis zur Übernahme des elterlichen Hofes in Rotham bewirtschaftete er einen Hof in Thalstetten.
Andreas Hien war dreimal verheiratet und hatte aus diesen Ehen insgesamt 13 Kinder die bekannt sind. Viele Hien-Nachkommen aus unserer Gegend stammen von ihm ab.
- Maria oo 1686 Adam Huber, Bauer in Wolferszell Nr. 13
- Michael (1662-1663)
- Margaretha (*1664) 3 x verheiratet, Bäuerin in Pellham Nr. 28
- Georg (*1665)
- Ursula (*1666) heiratet 1697 Wolfgang Grimm, Bauer in Steinach Nr. 30
- Agatha (*1668)
- Georg (*ca. 1672) , Hoferbe in Rotham
- Adam (*ca. 1675) heiratet 1699 in den Riedl-Hof in Agendorf Nr. 38 ein (heute Kettl)
- Johann  heiratet 1695 die Bauerswitwe Schmidbauer Maria von Wolferszell Nr. 13
- Barbara (*1678) heiratet 1713 den Bauern Thomas Ecker von Unterzeitldorn und 1716 in 2. Ehe Jakob Brunner
- Anna (*1680)
- Christoph (*1681), übernimmt 1707 den Hof in Pellham Nr. 27 von seinem Vater
- Thomas (*1683) heiratet 1708 Eva Häberl, Tochter des Georg Häberl, Schlossbauern (Vorsteher vom Gutshof) und wird Tagelöhner in Steinach


Am 22. November 169315 übergibt Andreas Hien den Hof in Rotham an seinen Sohn Georg aus zweiter Ehe und erwirbt dafür den Hof in Pellham Nr. 27 (heute Wolf). Georg vermählt sich mit der Bauerstochter Maria Söldner von Bärnzell. Aus der Ehe gehen acht Kinder hervor, von denen bei vier der weitere Lebensweg bekannt ist:
- Maria (*+1696)
- Maria Eva (+1697)
- Ursula (*1699) heiratet 1719 den Bauern Johann Dirnfellner von Hundsschweif
- Georg (*1701)
- Walburga (*1706) heiratet 1727 den Bauern Nikolaus Luttner von Hagnzell Nr. 13
- Johann Georg (*1709) heiratet 1738 die Berghof-Erbin Walburga Mühlbauer
- Katharina (*1712)
- Jakob (*1716), Hoferbe in Rotham

 

1737 übernimmt Sohn Jakob Hien den Hof. Der Hoferbe heiratet zunächst die Wirtstochter Cäcilia Walchshauser von Zinzenzell. Als diese mit nur 26 Jahren stirbt nimmt er 1740 die Bauerstochter Margaretha Namer von Weiher zur Frau.
Von zwei Söhnen aus dieser zweiten Ehe sind die weiteren Lebenswege bekannt:
- Jakob (*1746) heiratet 1770 die Hoferbin Katharina Aman von Neudau. Nach dem Tod seiner Ehefrau nimmt er 1772 die Bauerstochter Anna Maria Wenninger von Geltolfing zur Ehefrau. Die Hien von Bielhof und von Neudau stammen von ihm ab.
- Kaspar übernimmt den Hof in Oberharthof

 

Die Ära der Familie Bogner

Ca. 1750 verkaufen Jakob und Margaretha Hien ihren „halben Hof“ in Rotham an Mathias und Maria Bogner und erwerben dafür den ganzen Hof in Oberharthof.
Während ganze Höfe in unserer Gegend ca. 100 Tagwerk Grundbesitz umfassten, hatten die „halben Höfe“ nur etwa die Hälfte. Dies war also eine Verbesserung für die Familie Hien.

Die Herkunft von Mathias und Maria Bogner konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Sohn Mathias Bogner heiratet 1774 die Steinacher Bauerstochter Walburga Geiger. Das junge Paar übernimmt den Geiger-Hof in Steinach Nr. 27 von den Eltern bzw. Schwiegereltern. 1787 bekommt Mathias auch seinen elterlichen Hof in Rotham von seiner Mutter übergeben und die Familie zieht nach Rotham, bewirtschaftet aber den Steinacher Hof ebenfalls weiter.
Das Paar hat sieben Kinder die alle das Erwachsenenalter erreichen und größtenteils in Bauersfamilien der Umgebung einheiraten:
- Anna Maria (*1774) heiratet 1802 den Nachbarn Andreas Foidl von Rotham
- Anna Maria (*1776) heiratet 1800 den Steinacher Halbbauern Joseph Waas (Hs.Nr. 55)
- Maria Walburga (*1779) heiratet 1808 den Halbbauern Sebastian Hien von Steinach Nr. 29
- Joseph (*1781) übernimmt 1800 den Bauernhof Nr. 27 in Steinach
- Mathias (1784-1803). Der junge Mann stirbt mit knapp 19 Jahren und war wohl als Hoferbe für Rotham vorgesehen gewesen.
- Maria Magdalena (*1789) heiratet 1817 den Söldner Joseph Schirmbrand von Agendorf Nr. 39 (heute Leibl)

Die jüngste Tochter Maria Theresia (*1792) übernimmt 1820 den Hof in Rotham und geht eine Ehe mit dem Bauerssohn Anton Wolf von Kruckenberg ein. Die Ehe bleibt kinderlos und 1838 verkaufen beiden den Kirchhof um 5.450 Gulden und erwerben hierfür ein Haus in Straubing.

 

 

Bogner Wolf Rotham

 

 

 

Der Kirchhof wird zertrümmert

Käufer des Besitzes sind Peter und Walburga Bayer. Peter stammte ursprünglich aus Zachersdorf und kaufte 1828 den Pfarrhoftrakt in Sossau von Florian Gierl, nachdem er vorher in Edersdorf bei Schwarzach ansässig war16.

Bereits vier Jahre später, am 05.04.184217 verkauft Peter Bayer die Hofstelle des „halben Kirchhofes“ Hs.Nr. 29 in Rotham, zusammen mit 20 Äcker und Wiesen von insg. 33,85 Tagwerk, an den Nachbarn Johann Rothamer. Dieser bricht die Gebäude ab und übernimmt die Grundstücke in seinen Besitz.
Die Eheleute Walburga und Peter Bayer gehen als Wirtsleute nach Oberparkstetten.

Der uralte Hof in Rotham verschwindet von der Karte und die Hs.Nr. 29 wird vorerst aufgelöst.

 

Bayer Rotham

 

 

 

 

Uraufnahme ueberlagert

Die alte Karte von 1827 überlagert mit dem Baubestand (grau) von 2018
Uraufnahme aus dem Jahr 1827
 Quelle: Bay. Vermssungsverwaltung München, Bayernatlas

 

Beim Verkauf behält sich Peter Bayer etwa 25 Tagwerk an Grundbesitz zurück. Ca. 1850 errichtet er auf seinem Acker beim Schwarzholz ein neues Wohnhaus mit Stall, Stadel und Schupfe, dass wieder die Hs.Nr. 29 (Familie Handwerker) erhält und trotz der 2 km Entfernung zum Weiler Rotham gezählt wird. Siehe hierzu „Schwarzholz“.

 

 

 

Quellen:
1 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B157, Sal- und Stiftbuch der St. Michaels-Pfarrkirche in Steinach mit Abschriften der Kaufbriefe u.a. Urkunden der Kirche undatiert (Mitte des 16. Jg., Besitzvermerk der Pfarrei Steinach von 1618) mit Nachträgen bis Ende 18. Jh.  (Anm: vor 1572), fol. 28 Urkunde Nr. 16
2 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B39, Sal- und Urbarsbuch über die propsteiischen Lehengüter des Rentkastenamts Straubing, 1579, fol. 70
3 BayHStA München, Kurbayern Äusseres Archiv 4777, Salbuch Domkapitel Augsburg 1458, S.66 und 67
4 Jahresbericht des historischen Verins f. Straubing und Umgebung 64 Jhg. 1961, S. 27 Domkapitlische Mahlzeiten in Straubing
5 BayHStA, GL Straubing 22 „Anlag Register von den Hofmarchen auf den Kasten Straubing gelegent“ 1536
6 StA Landshut, RMA Straubing Rep. 197-2 Nr. 4793 Hauptmautamtsrechnung Straubing 1571
7 RMA Straubing Ämterrechnung Nr. 1781 Mautamt Bogen 1583
8 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B99, Steuerbuch des fürstl. Kastenamts Straubing 1578
9 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B39, Sal- und Urbarsbuch über die propsteiischen Lehengüter des Rentkastenamts Straubing, 1579, fol. 70
10 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B39, Sal- und Urbarsbuch über die propsteiischen Lehengüter des Rentkastenamts Straubing, 1579, fol. 48, 69
11 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing B157, Sal- und Stiftbuch der St. Michaels-Pfarrkirche in Steinach mit Abschriften der Kaufbriefe u.a. Urkunden der Kirche undatiert (Mitte des 16. Jg., Besitzvermerk der Pfarrei Steinach von 1618) mit Nachträgen bis Ende 18. Jh
12 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing, P45,  fol. 7‘  Kaufbrief von 1630
13 StA Landshut, Regierung Straubing A3983, Michael Hien, Bauer zu Rotham, gegen das Kastenamt Straubing bzw. Georg Brindl, Bauern ebenda, wegen Blumbesuchs für einen ganzen Hof, in der Akte  Übergabebrief des Khropf-Hof in Rotham vom 29.03.1636 an Eva Hien
14 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing, P64 Briefprotokoll 1678-1681, fol. 33', Verteilung vom 10.03.1678
15 StA Landshut, Rentkastenamt Straubing, P 68,  fol. 366  Übergabebrief vom 22.11.1693
16 Fendl Edda; Der historische Ortskern des Klosterdorfes Sossau, 2010, S. 87
17 Landshut, Rentamt Straubing B131, Umschreibbuch zum Häuser- und Rustikalsteuerkataster Trudendorf 1814 – 1843, lfd.Nr. 79

 

Weitere Quellen:
StA Landshut, Grundsteuerkataster Agendorf 17/2-6, 17/2-10, 17/2-14
BZA Regensburg, Pfarrmatrikel Steinach