Der „Bader“ in Steinach

 

von Claudia Heigl

 

 

Während in der heutigen Zeit der „Bader“ ein aussterbender Begriff ist, gingen viele ältere Steinacher Bürger in Ihrer Jugend zum Haare schneiden noch zum „Bader“ oder dieser kam ins Haus.

Oftmals ist der Bader nur noch als Friseur bekannt, der rasierte und die Haare schnitt. Auch Xaver Hagenauer übte, aufgrund einer Kriegsverletzung aus dem ersten Weltkrieg, nur noch das klassische Friseurgewerbe aus und betrieb daneben noch eine Landwirtschaft. Nach seinem Tod im Jahre 1971 gab es keinen „Bader“ mehr in Steinach.

 

Hagenauer Xaver und Ehefrau Der letzte Steinacher "Bader", Franz Xaver Hagenauer mit seiner Ehefrau Anna

 

Dabei waren die Bader jahrhundertelang viel mehr als nur reine Friseure. Neben der Badstube besorgten die Bader das Haarschneiden, Barbieren und den Aderlaß, der nach dem medizinischen Verständnis der Zeit so etwas wie eine Art körperlicher Reinigung war; die Befreiung des Leibes von verdorbenen Säften und Körperdünsten. Seit alters galten die Badstuben zugleich aber auch als die “Herbergen der Leichtfertigkeit”, was auf die heidnischen Ursprünge des rituellen gemeinsamen Bades zurückgeht. Allerdings versuchte die Kirche alte religiöse Gebräuche abzudrängen, die in vorchristlicher Zeit mit der Ausübung bestimmter Berufe eng verbunden waren. Die Bader, Henker, Abdecker, Müller und Hirten, aber auch noch eine Reihe anderer Berufe, wurden als „ Unehrenhaft“ für lange Zeit in ein gewisses gesellschaftliches Abseits verbannt. Zum anderen war das mittelalterliche Badhaus in der Tat Schauplatz mannigfacher erotischer Abenteuer. In den Städten, ja selbst in den Dörfern war die Badehütte der Freiplatz für Liebespaare oder Gelegenheit zur Anknüpfung von Bekanntschaften. Die Literatur ist voll von höchst anstößigen Beispielen und Berichten, die bis in die Goethezeit zu finden sind. “Baderstöchter” hatten zumeist ebenso einen schlechten Ruf wie “Müllerstöchter”. Man hielt sie leicht für Prostituierte und nicht selten waren sie es auch.

In Steinach wird in dem „Stift-, Kasten- und Salbuch über Schloß und Hofmarch Steinach“ aus dem Jahre 1583 bereits ein Bader erwähnt. Ein Schmid Friedrich hatte auf die "Badsölde" das Erbrecht und auf das "Badhaus" die Herrengunst, d.h. der Hofmarksherr konnte nach belieben das Recht auf dem Badhaus vergeben, während auf der Besitz der Badsölde weitervererbt wrden konnte. In den Kirchbüchern und Stiftbücher werden Bader auf der Badsölde bis ca. 1659 in Steinach genannt. Dann scheint jedoch keiner mehr im Dorf das Handwerk ausgeübt zu haben. Auf die alte "Badsölde" zogen  Kaspar und Barbara Berger ein, die einen Kramerhandel betrieben.

Normalerweise wurden Badhäuser in die Nähe von Gewässer gebaut, da sie ja viel Wasser für die Ausübung ihres Gewerbes benötigten.
Jedoch war an dieser Stelle des Dorfes durch Quellen reichlich Wasser vorhanden.

Das alte Sprichwort „Bischof oder Bader“ hieß soviel wie „alles oder nichts“. Der Bader gehörte zu den unteren sozialen Schichten und hatte seit dem Mittelalter nur geringes Ansehen. Während der großen Pestepidemien und den sich verbreitenden Geschlechtskrankheiten im 15. und 16. Jahrhundert wurden immer mehr Badhäuser geschlossen. Damit änderte sich auch das Berufsbild des Baders. Der Beruf entwickelte sich immer mehr zu einer Art ländlichem Volksarzt zweiter Klasse. Und wenn er geschickt war, macht er den ausgebildeten Wundärzten unliebsame Konkurrenz. Der Bader behandelt Brüche und Verrenkungen, kuriert Wunden und Geschwüre und schient die gebrochenen Glieder. Er setzt Schröpfköpfe und nimmt den Aderlaß vor, er besieht Aussätzige und Erschlagene und versorgt die Leichen. Für ihre Ausbildung gibt es jedoch noch keine Schulen, sie erlernen ihren Beruf von einander wie ein Handwerk. Die besseren unter ihnen nennen sich bald Chyrurgus (Chirurgen) und in stetiger Kleinarbeit verbessern sie ihr Ansehen.

 

Uraufnahme 1827
Auf der Bad Sölde waren bis Mitte des 17. Jhd. die Bader ansässig.
Die Badersfamilie Hagenauer  übte ab 1762 auf der Göz Sölde ihr Gewerbe aus.
Quelle: Bayer. Vermessungsverwaltung München, Bayernatlas, Uraufnahme aus dem Jahr 1827

 

Bis weit ins 18. Jahrhundert sind sie die einzig erreichbaren ärztlichen Helfer und Ratgeber der kleinen Leute. Damit wachsen ihre Kenntnisse ebenso wie ihr Ansehen. Die Ausbildung wird nun amtlich geregelt und überwacht. Als im  Jahr 1762 der aus Steinburg stammende Baderssohn Ephraim Hagenauer die Steinacher Schusterstochter Anna Maria Echinger heiratet, ist wieder ein Bader in Steinach ansässig. Aber nicht mehr auf der alten "Badsölde", sondern auf dem Nachbaranwesen, dem sog. "Gözl Gütl", dass Anna Maria Echinger von ihrem Vater Stephan Echinger übergeben bekommen hatte.

 

Nach der Bader-Ordnung von 1899 darf nur derjenige den Titel „Bader“ führen, welcher die Approbation (= staatl. Zulassung) als Bader erlangt hat.

Nach einer dreijährigen Lehrzeit und einer Vorprüfung hat der Badergehilfe ein Jahr als Gehilfe in einem Badergeschäft tätig zu sein und anschließend noch an einen Unterrichtskurs in einem Krankenhaus, der fünf Monate dauert, teilzunehmen. Im Anschluß daran ist die Approbationsprüfung abzulegen.

Die Befugnisse des Baders umfassen u.a.:

- Die Behandlung einfacher Wunden, Abszesse und Geschwüre

- das Reinigen und Ausziehen von Zähnen

- die Behandlung der Leichdorne (Hühneraugen) und eingewachsener Nägel, mit Ausschluß blutiger Operationen

- das Setzen von Klastieren (Einläufe), sowie von Schöpfköpfen (zum Aderlaß) und Senfteigen

- die Unterstützung der Ärzte bei Ausübung der Heilkunde

- die ersten Vorkehrungen im Erkrankungs- und sonstigen Notfällen

- die Leichenschau und Hilfeleistungen bei Leichenöffnungen.

In Bayern gab es 1928 insgesamt 1688 staatlich anerkannte Bader.

 

Baderhaus

 Die Bader-Sölde ca. 1926
Auf dem Schild steht "Karl Hagenauer appr. Bader"

 

In Steinach war der Vater des Xaver Hagenauer, Karl Hagenauer, als letzter approbierter Bader tätig.

Hagenauer Karl und Ehefrau
Karl Hagenauer (+1933) mit seiner Ehefrau Maria

 

 

 

Die bekannten Bader in Steinach

Die Bader auf der "Badsölde", Hs.Nr. 55, heute August-Schmieder-Str. 40:

1583 Friedrich Schmid hat Erbrecht auf die Steinacher Badsölde.

1623 Michael Schmidt hat Erbrecht auf der Badsölde und besitz die Herrengunst auf dem Badhaus

1639 Im ersten Kirchenbuch werden Stephan Walter (+1645) mit seiner Ehefrau Katharina als Baderseheleute in Steinach genannt.

1646 Johann Bayer, Bader in Steinach und seine Ehefrau Margaretha werden als Taufpaten genannt.

1647 Johann Wenger wird mit seiner Ehefrau Margaretha als Baderseheleute genannt. (1662 sind beide in Mitterfels ansässig.)

1652 Der Sohn des o.g. Stephan Walter,  Jakob Walter  heiratet eine Elisabeth Pongratz aus Furth. Er stirbt am 23.02.1659 als Bader und Wundarzt  in Steinach im Alter von 36 Jahren.

1659 bereits drei Tage später heiratet die Witwe Johann Georg FRANZ aus Steiermark. Er dürfte als Badersgeselle bereits auf dem Anwesen gearbeitet haben und bekam so die Gelegenheit sich als Bader niederzulassen. Von Johann und Elisabeth FRANZ sind  keine Kinder im Kirchenbuch zu finden. Evtl. zog das Ehepaar von Steinach weg.

1665 werden noch ein Georg Hürtner und seine Ehfrau Barbara als Baderseheleute in Steinach genannt. Ob sie jedoch auf der "Bad Sölde" wohnten ist fraglich.

1661 sind ein Berger Kaspar und seine Ehefrau Barbara, geb. Schmidbauer, als Kramerseheleute auf dem Anwesen. Deren Nachfahren waren bis 1835 Besitzer der Bad Sölde.

 

Die Bader auf der "Göz Sölde" Hs.Nr. 56, heute August-Schmieder-Str. 41:

1701: Aichinger Markus u. Katharina geb. Fuchs, Halbbauer- und Pfeiffer

1734 Ü: Echinger Johann Stephan u. Elisabeth, geb. Aichinger, Kramers- und Pfeifferseheleute

1762 Mit der Heirat des Ephraim Hagenauer (Sohn des Steinburger Baders Franz Hagenauer und seiner Ehefrau Katharina) mit der Steinacher Kramerstochter Anna Maria Echinger, wird nach ca. 100 Jahren wieder ein Bader in Steinach ansässig.

1793 Der einzige Sohn Joseph Hagenauer übernimmt die Badersölde vom Vater Ephraim um 450 fl. 1800 heiratet er die Bauerstochter Anna Maria Erndl aus Agendorf und übernimmt 1803 mit seiner Ehefrau den Hof den Schwiegervaters Georg Erndl. 1811 stirbt seine erste Ehefrau und er heiratet 1814 die Bauerstochter Therese Söldner aus Bärnzell. Er wird als Halbbauer und Bader in Agendorf erwähnt, bis 1833 der Hof in Agendorf auf die Gant kommt und zertrümmert wird. Mit seiner Familie zieht er wieder in die elterliche Badersölde nach Steinach, von der bis 1838 nochmals drei Äcker um 450 fl. abgetrümmert werden. 1845 stirbt Joseph Hagenauer als Bader in Steinach. Von seinen insg. 16 Kindern erreichen 13 das Erwachsenenalter.

1848 heiratet der Sohn Johann Baptist aus zweiter Ehe die Steinacher Bäckerstochter Helena Röckl und wird fortan als Bader in Steinach bezeichnet. 1861 stirbt seine Ehefrau mit 38 Jahren und er heiratet 1863 in zweiter Ehe die Einwohnerstochter Anna Maria Leibl aus Steinach. 1871 stirbt Johann Hagenauer mit 48 Jahren.

1874 Der älteste Sohn aus erster Ehe, ebenfalls Johann Baptist übernimmt das Anwesen und wird Bader in Steinach. Als dieser jedoch 1876 mit 26 Jahren an der Lungenschwindsucht stirbt, erlernt dessen Bruder Karl Hagenauer als Baderhandwerk.

1877 heiratet Karl Hagenauer die Lehrerstochter Kreszenz Daunderer aus Sossau. 1890 stirbt diese bereits mit 42 Jahren und er heiratet 1891 die Ökonomstochter Maria Bründl aus Ittling. 1933 stirbt er als letzter approbierter Bader in Steinach.

1922 Der älteste Sohn aus zweiter Ehe Franz Xaver Hagenauer heiratet die Gütlerstochter Anna Bachl aus Steinach und ist als Friseur in Steinach tätig.

 

 

Bilder: Archiv für Heimatgeschichte Steinach und Familie Schweiger, Steinach
Quellen:
Archiv für Heimatgeschichte, Untertanen der Hofmark Steinach 1623
Archiv für Heimatgeschichte, Stiftregister 1641
StA Landshut, Rentamt Straubing B78 dund B79; Häuser- u. Rustikalsteuerkataster Münster incl. Steinach 1808 und 1814-1843
StA Landshut,  Grundsteuerkataster Sig. 17/42-4, 17/42-8, 17/42-11,  Steuergemeinde Steinach 1843-1960,
Bischöfl. Zentralarchiv Regensburg, Kirchenbücher Pfarrei Steinach
Schlicht Josef, Die Geschichte von Steinach erschienen in der Unterhaltunsbeilage im StraubingerTagblatt 1881-1883